In letzter Zeit gibt es ja immer wieder diese Feuilletondebatten um Leute wie Sybille Lewitscharoff oder Akif Pirinci, die mich samt und sonders unentschlossen zurücklassen. In der Regel erschöpft sich meine Reaktion in der Feststellung, dass die jeweilige Protagonistenmeinung menschenfeindlich ist (aus Gründen, die man z.B. in den hinter den obrigen Namen verlinkten Artikeln nachlesen kann). Die zunehmende Häufigkeit solcher Debatten wurde auch schon als eigenständiges Phänomen diskutiert, weil die Frustration, dass man bei solchen Debatten jedesmal wieder ganz bei Null anfangen muss, allmählich weit verbreitet ist – ich persönlich kenne das vor allem aus feministischen Debatten oder wenn es um Themen wie “the Commons” und Internetkultur geht. Irgendwie hat man nicht das Gefühl, dass es sehr viel bringt, sich zu äußern, wenn außer den üblichen Gleichgesinnten eh keiner zuhört.
Dieser Beitrag hier dümpelte dementsprechend eine ganze Weile in meinem Entwürfe-Ordner herum, weil ich außer “Äh, holy shit – wow?” erstmal nicht viel beizusteuern hatte. Das macht einen irgendwann unruhig, gerade wenn man so eine gesamtgesellschaftliche Problemstellung vor sich hat. Da möchte man ja durchaus eine Meinung haben, die sich nicht (oder zumindest nicht ausschließlich) im achselzuckenden Abnicken anderer Meinungen erschöpft.
Dann fiel mir plötzlich ein Vortrag ein, den ich neulich (also, irgendwann im Laufe meines Lebens und ich kann mich noch dran erinnern) gehört habe. Damals wurde mal wieder ein neuer Cambridge Companion herausgebracht, also eine sehr prestigeträchtige Anthologie neuster Forschung zu irgendeinem gemeinsamen Thema. Der Vortrag selbst wurde von einem der HerausgeberInnen gehalten und bestand darin, die Methodik dieses bestimmten Companions zu erläutern. Und die war so: Die mitschreibenden ForscherInnen mussten in ihren Artikeln mindestens einmal auf andere Artikel im gleichen Companion verweisen, idealerweise sollte auch das Argument selbst auf andere Beiträge direkt reagieren. Die ForscherInnen sollten sich gegenseitig zitieren, kommentieren und widersprechen. Das Ziel war, nicht nur nebeneinanderstehende Perspektiven aufzureihen, sondern eine richtige, lebendige Debatte abzubilden. Eigentlich ein interessantes Projekt.
Allerdings waren die HerausgeberInnen nicht damit zufrieden gewesen, einfach abzuwarten, wie sich die Dinge aus der Aufgabenstellung heraus entwickeln würden. Sie wollten von vornherein nicht nur irgendeine Debatte, sondern eine Debatte, bei der die Fetzen fliegen. Sie suchten also schon bei der Auswahl der Beitragenden einen einzelnen (O-Ton) “Blitzableiter,” der Widerspruch und pointierte Positionierungen innerhalb des Companions gezielt provozieren sollte. Also luden sie einen Forscher ein, der seinerzeit mit einer ziemlich schrillen These viel von sich reden machte (und ja, auch diese These hatte etwas ziemlich Menschenfeindliches).
Dieser Typ wurde mit seiner Positionierung als “Blitzableiter” natürlich zum unangefochenen Protagonisten der Anthologie, recht ähnlich wie das auch bei den aktuellen Feuilletondebatten zu beobachten ist. Alle anderen ForscherInnen arbeiteten sich dank der vorgegebenen Methodik an diesem schrillen Typen ab und erreichten damit, dass das ganze Buch sich in erster Linie relativ zu ihm positionierte – es gab, grob gesagt, in diesem Companion seine Theorie und dann mehr oder weniger heftige Kommentare zu seiner Theorie. Der zentrale Artikel, den man in dem ganzen Teil einfach lesen musste (und spätestens nach dem dritten zornigen Verweis auch unbedingt lesen wollte), war seiner.
So ein Cambridge Companion, das ist ja eigentlich allerhöchstes Gesprächsniveau. Und ausgerechnet hier findet man genau die gleichen Mechanismen vor wie in diesen sprachlos machenden Feuilletondebatten. Man findet eine von Krawallkalkül getriebene Grundidee für die Struktur der Debatte, die Herausgeberschaft erzeugt berechtigte und leidenschaftliche Empörung die aber innerhalb des Formats nur krawallinstrumentalisiert bleiben kann, man bekommt dementsprechend als “Debatte” nur das zentrale Kreisen um eine grundsätzlich erstmal ekelhafte Meinung, und natürlich entspringt daraus quasi im Vorbeigehen das Unsichtbarmachen authentischer Alternativpositionen. So sieht eine “lebendige Debatte” aus. Ganz unironisch. Im deutschsprachigen Feuilleton wie im Cambridge Companion to the Most Important Contemporary Ideas of the Western Hemisphere. Why, fuck you very much.
Die Tatsache, dass dieser Mist nicht nur im Dunstraum der Kunst passiert sondern auch in der Wissenschaft, öffnet allerdings auch die Augen dafür, wie anders man diese Debatten grundsätzlich sehen kann. Max Weber hat mal einen schönen Text verfasst, in dem er eben gerade nicht das Arschloch, sondern die Kommentatoren ins Zentrum rückt. Denn anders als in der Kunst ist in der Wissenschaft (idealerweise) die reagierende Debatte selbst das Zentrum der Welt, oder kann zumindest mit einiger Überzeugungskraft so dargestellt werden.
Ein Kunstwerk, das wirklich »Erfüllung« ist, wird nie überboten, es wird nie veralten; der Einzelne kann seine Bedeutsamkeit für sich persönlich verschieden einschätzen; aber niemand wird von einem Werk, das wirklich im künstlerischen Sinne »Erfüllung« ist, jemals sagen können, daß es durch ein anderes, das ebenfalls »Erfüllung« ist, »überholt« sei. Jeder von uns dagegen in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie, in ganz spezifischem Sinne gegenüber allen anderen Kulturelementen, für die es sonst noch gilt, unterworfen und hingegeben ist: jede wissenschaftliche »Erfüllung« bedeutet neue »Fragen« und will »überboten« werden und veralten. Damit hat sich jeder abzufinden, der der Wissenschaft dienen will. Wissenschaftliche Arbeitenkönnen gewiß dauernd, als »Genußmittel«, ihrer künstlerischen Qualität wegen, oder als Mittel der Schulung zur Arbeit, wichtig bleiben. Wissenschaftlich aber überholt zu werden, ist – es sei wiederholt – nicht nur unser aller Schicksal, sondern unser aller Zweck. Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, daß andere weiter kommen werden als wir.
Wenn man sich also nur über menschenfeindliche Perspektiven aufregt und dabei sprachlos stehenbleibt (oder, wie die Herausgeber verschiedenster Medien, damit kühl kalkuliert und sich dann “nach getaner Arbeit” zufrieden zurücklehnt), schreibt man diesen Positionen eine Bedeutung zu, die gerade in einem demokratischen Gesprächszusammenhang so nicht stehenbleiben dürfen. Man sollte statt dessen viel zentraler würdigen, dass es Widerspruch gibt und transparent machen, worin der genau besteht, warum, wann, von wem – weil es genau dieser Widerspruch ist, aus dem heraus sich interessante neue Perspektiven entwickeln können. Die Debatte, nicht der Zorn, muss das Wichtigste sein und das Wichtigste bleiben. Aber dafür muss man eben auch eine Form finden, die das Richtige an der ganzen Streiterei betont, nämlich Perspektiven, die wirklich klar machen, inwiefern sie tatsächlich für den Menschen statt nur auf seinem Rücken formuliert sind.
Also, Zeitungen, Herausgeber, Gatekeeper: Könnten wir diese Unsitte mit den Blitzableitern in Zukunft eher unterlassen?