Ich mag Sob-Sister-Formate. In diesem Kontext gibt es in der SZ eine erfolgreiche Kolumne namens “Gewissensfrage,” in der mal mehr, mal weniger brennende moralische Fragen von Lesern gestellt und vom Kolumnisten beantwortet werden. Diese Kolumne hatte ich eine Weile gern gelesen (neben zwei anderen Favoriten die beide inzwischen nicht mehr schreiben, wobei Cary Tennis’ Kolumnen noch online sind und die von Dotty leider nicht mehr).
Irgendwann las ich dann eines Tages einen “Gewissensfrage”-Beitrag, von dem ich dachte, uh. Irgendwie ist der Spaß jetzt weg. Heute, wie gesagt, zum ersten Mal seither wieder gelesen.
Prompt musste ich natürlich an die eine Antwort denken, die mich damals so wegirritiert hatte. Die betreffende Kolumne ist heute noch online und ich konnte sie mir mit Abstand nochmal anschauen. Die Frage war:
Vor Kurzem stand ich bei Regen und Kälte an der Haltestelle und wartete, mit vielen anderen Leuten, auf die verspätete Tram. Als sie endlich kam, drängten alle zu den Türen. Zum Schluss wollte ein Vater mit Kinderwagen einsteigen, aber der Wagen war voll. Er musste draußen bleiben und auf die nächste ebenfalls verspätete Tram warten. Hätten ich und andere Fahrgäste aussteigen müssen, um Platz für den Kinderwagen zu schaffen?
Wir haben es hier mit einem recht klassischen First World Problem zu tun. Wie auch immer man sich in der Frage entscheidet, für keinen der Beteiligten bedeuten die Konsequenzen mehr als eine bloße Unannehmlichkeit; keiner ist oder wäre jetzt daran gestorben, noch länger dem Regen ausgesetzt zu bleiben. Aber die Kolumne nimmt ja solche winzigen Fragen genau deswegen auf, weil der Charme darin besteht, das Prinzip der ethischen Entscheidung anhand eines sehr handhabbaren Falls grundsätzlich zu demonstrieren. Und das, finde ich, ist in diesem Fall kläglich gescheitert.
Zwar kommt der Kolumnist Rainer Erlinger am Ende auf eine für mich sinnvolle Antwort – nämlich, natürlich wäre es grundsätzlich netter bzw. besser gewesen Platz zu machen. Aber die Logik der Begründung stört mich immens. Erst kommt er der Fragestellenden (“Gabi R.”) mit folgenden Worten der Weisheit:
Zwar tragen Eltern, indem sie Kinder aufziehen, tatsächlich zum gesellschaftlichen Nutzen bei, aber Kinder zu bekommen wird – einschließlich der Kinder selbst – durch diese Betrachtungsweise auf einen Nützlichkeitsaspekt reduziert. Die Kinder werden dabei in den Worten Immanuel Kants »bloß als Mittel« betrachtet und dadurch in ihrer Würde beschädigt.
Yo. Soweit einverstanden. Aber dann zwei Absätze später geht’s plötzlich in der Entscheidungsbegründung für “Ja, wäre besser gewesen” folgendermaßen weiter:
Auch wenn die Entscheidung, Kinder zu bekommen, eine freie ist, gehört sich fortzupflanzen zur Natur des Menschen, zum Menschsein. Mehr als andere Entscheidungen, mit denen man seine Idee vom Leben gestaltet. Damit aber würde ich den Umstand, Kinder zu haben oder nicht, auf eine Stufe stellen mit den verschiedenen Möglichkeiten, die Menschen von der Natur mitgegeben bekommen; und für die hat John Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit den Grundsatz geprägt, dass die Gesellschaft die Aufgabe hat, die unterschiedlichen Chancen auszugleichen, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden.
Aha. Und wer betrachtet jetzt die Kinder bloß als Erweiterung der elterlichen Entscheidung und vergisst im Eifer des Gefechts völlig, dass da gerade ein Säugling bei “Regen und Kälte” noch ne halbe Stunde länger nicht nach Hause kommt? Erschwerende Stichworte “Hunger” und “volle Windel”…?
Wenn man schon so pompös von der Würde des Kindes palavert, sollte man vielleicht nicht im nächsten Satz ausschließlich von der Diskriminierung der Eltern reden, eine Diskriminierung übrigens, die weniger durch das Verhalten der Fahrgäste sondern vielmehr durch die bloße Existenz des Kindes (!) hervorgerufen wird. In einer anderen Form scheint Erlinger der Gedanke an das Kind im Wagen nicht zu kommen. Er denkt über den Vater mit seinem Kinderwagen als “Erwachsener plus abstrakter Anlass für Statusveränderung” statt als “Erwachsener plus Baby.”
In anderen Beiträgen in der Kolumne scheint dieses schwierige Verständnis zu Kindern auch durch, beispielsweise in diesem, wo es (O-Ton) um eine zumutbare “Dosis Kind” geht oder diesem Beitrag, in dem Erlinger spekuliert, dass alberne Kindermützen wahrscheinlich ein psychologisch nachvollziehbares Zeichen elterlicher Rache am Nachwuchs sind (à la “Dieses Scheißleben, das die Racker einem aufbürden! Man gönnt es seinem schlimmsten Feind nicht!”).
Es sei natürlich jedem gegönnt, keine Kinder zu mögen. Aber dann kann man auch ehrlich sagen, kommt Leute, mit Kindern, ihr wisst Bescheid. Fragt wen anders.
Aber das dann eben nicht zu sagen, sondern statt dessen so pseudo-objektiv daherzulabern… och nö. Das ist mir echt zu klassisch-aufklärerisch. Zwischen so ner Einstellung und dem heutigen Tag liegt normalerweise das zwanzigste Jahrhundert.
Deswegen…
…habe ich die Kolumne seitdem eher nicht mehr gelesen.


